Uwe Warschkow, harmonica

Prolog

Liebe Mundharmonika-Freunde,

um Euch zunächst meine Gedanken und Beweggründe, das Buch über Tommy Reilly zu schreiben, zu vermitteln, lest bitte das erste Kapitel:

Prolog

Zeiten vergehen, neue Generationen folgen nach. Wer kennt noch Tommy Reilly?

Gewiss, wer einmal der Faszination der Mundharmonika erlegen ist, kennt seinen Namen, hat vielleicht auch die eine oder andere CD, vielleicht sogar noch eine frühere LP. Aber wer kennt noch das ganze Spektrum seines Schaffens, dass er es war, der die Mundharmonika auf die Konzertbühne brachte, der durch sein Musikantentum viele Komponisten überzeugte, für ihn Werke zu schreiben, die er mit vielen namhaften Dirigenten und Orchestern in der ganzen Welt zur Aufführung brachte, – und der auch ein hervorragender Lehrer für sein Instrument war.

Ich hatte das Glück, ihn kennenzulernen. Er hat mein Leben bereichert wie kein anderer. Mehr als zwanzig Jahre lang, bis zu seinem Tod im Jahr 2000, habe ich ihn und seine Frau Ena regelmässig auf seinem zauberhaften Landsitz „Hammonds Wood“, im kleinen verträumten Ort Frensham im Herzen von Surrey, der wunderschönen Landschaft westlich von London, besucht. Durch seinen Unterricht habe ich nicht nur viel über die phantastischen musikalischen Möglichkeiten der Mundharmonika gelernt, sondern auch tiefe Einblicke gewonnen in das, was Musik wirklich ausmacht und bewegt. Hieraus entwickelte sich auch eine enge Freundschaft, die mich auch über seinen Tod hinaus mit Dankbarkeit bewegt.

Was war Tommy Reilly für ein Mensch, was hat ihn geprägt und geleitet, welche Schwierigkeiten hatte er zu überwinden, um diese weltweite Anerkennung als Musiker zu erreichen, wer waren seine wesentlichen musikalischen Wegbegleiter? Das will ich mit diesem Buch versuchen lebendig zu erhalten. Dabei ist mir bewusst, dass es mir nur unvollkommen möglich sein wird. Als ich Tommy Reilly in 1978 kennenlernte, war er bereits fast 50 Jahre alt. Nach wie vor ein aktiver, grosser, weltweit anerkannter Musiker, aber die vielen Jahre seiner ungewöhnlichen Karriere davor kann ich nur aufgrund seiner eigenen Erzählungen und denen seiner Wegbegleiter, insbesondere von Sigmund Groven und James Moody, wiedergeben. Ich kann also nur ein subjektives Bild zeichnen, wie ich ihn kannte.

Natürlich wird dabei, eben aus meinem speziellen Erleben heraus, auch die von ihm entwickelte und gelehrte Methodik des klassischen Mundharmonikaspiels eine besondere Rolle spielen. Im Gegensatz zu allen klassischen Musikinstrumenten, für die sich im Laufe der Jahrhunderte eine gesicherte und allgemein anerkannte pädagogische Tradition entwickelt hat, ist dies bei einem so jungen Instrument wie der Mundharmonika noch nicht sehr ausgeprägt. Immer noch trifft man auf die unterschiedlichsten Auffassungen, wie man das Spiel auf der Mundharmonika „richtig“ erlernt. Eine Ursache ist die vielfach zu beobachtende Selbstisolation von Mundharmonikaspielern, die nur unter sich sind, das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten auch gar nicht suchen, und so leider auch nie über die Grenzen ihres eigenen Instruments hinausschauen.

Ganz im Gegensatz dazu war es immer das Credo von Tommy Reilly und auch seines langjährigen Weggefährten James Moody:

»Sucht jede Möglichkeiten zum Zusammenspiel mit anderen Instrumenten, möglichst mit guten Musikern, hört ihnen zu und lernt von ihnen für Euer eigenes Spiel.«