Uwe Warschkow, harmonica

Unterricht: “Five Pieces – Threnody”

Unterricht:

„Five Pieces – Threnody“

Heute haben wir an „Threnody“, dem 4. Satz aus Gordon Jacobs „Five Pieces“ gearbeitet. „Threnody“ bedeutet Klagelied. Eine wunderbare, einfache, wehmutsvolle Eingangsmelodie. Die Mundharmonika beginnt Solo, bevor die Streicher bzw. das Klavier das Thema aufnehmen. So technisch einfach das Thema auf dem ersten Blick erscheint, es wirklich legato und musikalisch ausdrucksvoll zu spielen, ist nicht einfach.

»So, beginne. Im Takt 1 alle Noten auf ziehen, das ‚c‘ mit Schieber, kein neuer Ansatz, nur ein ununterbrochener Atemstrom! Und zunächst kein Vibrato, damit befassen wir uns später gesondert.«

Er stoppte mich schon nach Takt 2.

»Es muss singen. Singe es, laut oder in Gedanken! Das ‚c‘ auf 3 im ersten Takt baut die Spannung auf für die Antwort im zweiten Takt. Deshalb darf der Ton nicht abfallen. Du musst die Tonstärke halten. Dann eine kleine  Atempause, bevor die Antwort in Takt 2 beginnt.«

Immer wieder wiederholten wir einzelne Abschnitte des Stückes, bis er zufrieden war. Er verfolgte sehr genau, wie ich das Instrument bewegte und korrigierte mich unmittelbar, wenn die Bewegung nicht optimal war. Er liess auch keine unsaubere oder missglückte legato-Verbindung durchgehen. Oft war ihm der Übergang nicht weich genug. Es ging um jede Nuance. Manchmal war ich schon zufrieden, er aber noch lange nicht. Und er hatte recht, es ging noch besser.

Ganz besonderen Wert legte er auch auf die richtige Phrasierung.

»Zunächst musst Du die einzelnen musikalischen Phrasen erkennen. Wo ist der Anfang der Phrase, wo ist der Höhepunkt und wo das Ende. Die Hinführung zum Höhepunkt ist meistens von einem crescendo, die Entwicklung vom Höhepunkt zum Ende oft mit einem decrescendo begleitet. Zwischen den einzelnen musikalischen Gedanken ergeben sich die natürlichen Atempausen.«

So übten wir mit grosser Intensität weiter.

»Du musst die einzelne Phrase als Einheit verinnerlichen! Das erfordert zunächst, dass Du Dich auf die exakte Ausführung der Tonlängen konzentrierst. Erst dadurch bekommt die Phrase rhythmisch die vom Komponisten gedachte musikalische Linie. Wenn Du merkst, dass Du bestimmte Tonverbindungen innerhalb der Phrase noch nicht sauber hinbekommst, übe nur diesen Teil, auch wenn es sich nur um drei oder vier Töne handelt. Übe sie zunächst ganz langsam. So lange, bis Du auch diese Töne durch eine fliessende Bewegung verbinden kannst. Machst Du das nicht, wird diese Stelle immer von Unsicherheit geprägt sein und Du wirst zwangsläufig verkrampfen. Und wenn Du verkrampft bist, ist es unmöglich, eine Phrase musikalisch sauber zu gestalten.

Wenn Du alle Töne einer Phrase in einer fliessenden Bewegung rhythmisch exakt miteinander verbinden kannst, dann kommt die Dynamik hinzu, die genaue Ausführung der vorgegebenen Tonstärken, die crescendi und decrescendi sowie ggf. ein accellerando oder ritardando. Wie ich schon sagte, wenn Du die Phrase singst, kannst Du am Besten den musikalischen Spannungsverlauf empfinden und auf die Mundharmonika übertragen. Singe mit der Mundharmonika! Dann wirst Du auch fühlen, hier muss ich ein wenig beschleunigen und dort muss ich das Tempo etwas zurücknehmen, auch wenn es nicht in den Noten steht. Man nennt es Agogik, aber das kennst Du ja.

Wenn Du Dir auf diese Weise ein Stück erarbeitet hast, dann spielst Du auch nicht mehr so bewusst einzelne Töne, sondern immer die ganze Phrase als eine musikalische Einheit.«

So ging es weiter. Ich bewunderte seine Geduld. Es machte mir zugleich deutlich, warum sein Spiel sich von allen anderen Mundharmonika-Solisten, die ich bisher gehört hatte, unterschied. Diese Perfektion in der musikalischen Gestaltung. Bei seinem Spiel hört sich alles natürlich und selbstverständlich an, selbst die schwierigsten Passagen erscheinen leicht.

Besondere Bedeutung mass er der Phrase ab Takt 30 bei:

»Spiel noch einmal ab Takt 30. Mir geht es speziell um Takt 31, den Triller und den Übergang zu Takt 32.«

»Noch einmal. Der Triller muss sofort da sein. Kein langsamer Aufbau. Und nicht zu schnell! Genau in die Melodie eingebettet. Denk immer daran, die Bezeichnung „tr“ ist nur eine Abkürzung für eine ganz bestimmte Anzahl von Tönen. Spiele die beiden folgenden Sechzehntel nicht als Nachschlag des Trillers, sondern als kurze Vorschlagsnoten zum ‚g‘, wie eine gesonderte Phrase. Die nachfolgenden vier Zweiunddreissigstel muss Du dann als Auftakt zum ‚a‘ in Takt 32 auffassen. Nicht ganz so schnell, wie es geschrieben ist.«

Ich versuchte es mehrfach, wie er es mir nicht nur erklärt, sondern auch vorgespielt hatte.

»Ja, so ist es besser. Du hast erfasst, worauf es mir ankommt. Übe weiter daran.«

Anschliessend hörten wir uns noch zweimal seine Aufnahme mit der Academy of St. Martin-in-the-Fields an, die er mit Hinweisen verband zu dem, was wir vorher so intensiv geübt hatten.

»Bevor wir für heute Schluss machen, lass uns noch über etwas reden, was gut zu unserem Stück passt, nämlich über das Hören. Es mag Dich überraschen, aber das Hören ist die wichtigste Voraussetzung dafür, um eine gute Technik zu entwickeln. Wie für jedes andere Instrument gilt das auch für die Mundharmonika. Sicherlich denkst Du jetzt, ich kann doch gut hören, mein Gehör ist in Ordnung. Aber Du wirst es erleben, Du kannst, wenn Du Dich darauf konzentrierst, Dein Hören noch wesentlich verfeinern. Ob Du übst oder in der Öffentlichkeit spielst, Deine ganze Konzentration sollte darauf gerichtet sein, Dir selbst zuzuhören. Mit dem Ohr kontrollierst Du die Qualität Deines Spiels. Wenn Du Dich dessen immer bewusst bist und auf jede noch so kleine Nuance achtest, sei es die Tondauer, die Tonqualität mit feinsten Klangabstufungen, die Artikulation, die Dynamik, das richtige Tempo, kurz die musikalisch saubere Gestaltung, dann wirst Du erstaunt sein, wie sehr Du Deine Hörfähigkeit noch verfeinern und dadurch Deine Technik verbessern kannst. Wir haben schon mehrfach über das richtige Üben gesprochen und darüber, dass in einem Musikstück jeder einzelne Ton wichtig ist und seine Bedeutung im musikalischen Zusammenhang hat. Wenn Du Dir immer ganz konzentriert selbst zuhörst, dann wirst Du nicht mehr über einzelne Passagen „hinwegpfuschen“. Und instinktiv verfeinerst Du die richtige Bewegung des Instruments beim Gleiten von einem Ton zum anderen, sowie Deine Atemtechnik. Deshalb halte ich es persönlich auch für falsch, wenn manche Lehrer mit Ihren Schülern nur die schwierigen Passagen erarbeiten.

Ich glaube, mir hat in meiner Entwicklung am meisten geholfen, dass ich mir immer selbst gut zuhören konnte.

I feel, it’s enough for today. Let’s have a cup of tea.«